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NSG Leuenberger Soll

 

Ein Soll? Was ist das? “Sölle sind die kleinen, mehr oder minder rundlichen bis länglichen, oberirdisch zumeist abflußlose, mit Wasser oder Moorbildungen gefüllte, unter direkter Mitwirkung des Eises oder seiner Schmelzwässer entstandene ursprüngliche Wannen glazialer Aufschüttungsgebiete.

 

NSG Leunenberger Soll

Der Soll (auch Sal) oder Pfuhl, dem unser Besuch gilt, liegt südöstlich vom Dorfe Leuenberg bei Höhe 124 cm an dem Wege, der nach Vorwerk Biesow führt. Die meisten gehen an dieser geschlossenen Hohlform. die das Ackerland am Wege so eigenartig unterbricht, achtlos vorüber. Aber einige meiner Volkshochschüler, die längst gelernt haben, das Gelände mit dem Auge des Geologen zu schauen, und die des Fleckchens hohe Schönheit gefangen nahm, haben sie entdeckt und uns dorthin geführt.

 

Der Pflug musste dieser Wildnis mit ihren steilen Hängen ausweichen. Nur an ihrem Südwestrand tritt der Feldweg heran.

Auch von dem Stoppelfelde aus ist sie leicht zugänglich, wenn man dort einer Wagenspur folgt.

 

Der Pfuhl der Sohle ist nicht tief. Ein Mann hat überall Grund in ihm, doch rate ich niemanden, in ihm zu baden, wenn ihm auch bei dem schattenlosen Anmarsche die Augustsonne arg zugesetzt hat; denn das schwarze Wasser ist tückisch und fordert seinen Blutzoll. Man sagte mir, es werde als Schafschwämme benutzt: darum birgt es zahlreiche Blutegel, die ja wenigstens einmal warmes Blut trinken müssen, wenn sie geschlechtsreif werden wollen. Sie waren, während ich abseits auf einem hohen Wachholder saß, um Vögel zu beobachten, über meine badenden Volkshochschüler hergefallen, denen wir nun die stark nachblutenden y-förmigen Bisswunden verbinden und verpflastern mußten.

Rings um das Wasser trägt ein schmaler Gürtel Uferpflanzen in erstaunlichem Artenreichtum: Igelkolben, Froschlöffel, bis 2 1/4 m hohe Steinbinsen (Scirpus tabernaemontani Gmel.), Manna-Schwaden oder Süßgras (Glyceria fluitans L.) Flatterbinsen (Juncus effusus L.), bis 3/4 m hohe Sumpfbinsen 

Schafwaschepfuhl 1926
(Scirpus palustris L.), Sumpflabkraut, brennender Hahnenfuss (Ranunculus flammula L.), auch Egelkraut genannt, weil an ihm , wie an dem Froschlöffel und der Brunnenkresse die eingekapselten jungen Leberegel sitzen, die, von den Schafen mit gefressen, die Lebelfäule hervorrufen; der krause Ampfer, gemeine Wolfstrapp, die Korbweide, eine Brunnenkresse (Nasturtium amphibium L), der schmalblättrige Rohrkolben, die Land- und Wasserform des Wässerknöterichs, der gekniete Fuchsschwanz, das Sumpfvergissmeinnicht, die Harrfegge (Carex hoita L.) und Spitzfegge (Carex gracilis Curtis), der Pferdekümmel, das schwimmende Laichkraut, die geschnäbelte Segge, das gemeine Helmkraut und die kleine Wasserlinse bilden die Pfanzungsgemeinschaft dieses tiefst gelegenen Sollteiles. Es ist ganz unterhaltend, sich einmal zu fragen, wie diese 23 Pflanzenarten in unseren von allen umliegenden größeren Gewässern weit genug entfernt liegenden Teich gekommen sein mögen. Alle diese Pflanzen können ja nicht selbstständig über Land wandern, müssen also irgendwie hierher gebracht worden sein, soweit sie keine fliegenden Samen besitzen wie die Korbweide mit ihren Harrschopfsamen. In erster Linie kommen in unserem Falle wohl Vögel und vielleicht auch noch fliegende Wasserinsekten (Schwimmkäfer, Schwimmwanzen) als Überträger in Frage.
Schafwascherpfuhl 1938

Man hat einmal aus einem Ballen Erde, der am Laufe eines Rebhuhns klebte, 82 verschiedene Pflanzenarten erzogen. Da könnte schon eine Ente in ihrem Gefieder von benachbarten pflanzenreichen Gewässern Wasserlinsen und allerhand kleine Samen in den Pfuhl übertragen oder mit ihrem Kote unverdaute

Samenkörner an ihn abgeben, der auch seine tierischen Bewohner, soweit sie nicht fliegen oder weit über trockenes Land wandern können, auf ähnliche Weise erhalten haben wird. Unsre Zeit erlaubte es diesmal nicht, sie alle festzustellen.Die Blutegel machten sich ja von selbst unangenehm bemerkbar, und einige grüne Wasserfrösche in ihrer hochsommerlichen Wohlgenährtheit äußerten ihre Zufriedenheit durch gelegentliches Quaken und Murksen.

Am Hange empor breitet sich Grasland mit einigen Disteln, das nur am Südwestrand bis zu dem Landwege empor reicht, über den auf hochbeladenen Wagen das Erntegold zur Scheune schwankt. Im weiteren Halbrund dehnt sich die malerische Baum- und Strauchzone. Wacholder und Besenginster herrschen vor und geben dem Bilde sein Gepräge. Dazwischen einzelne Birken, untersetzte, freiwüchsige Kiefern, Hecken und Weinrosen mit ihrem zart duftenden Laub, Holunder und Ebereschen.

 

Die dichten Nadelkegel der zypressenschlanken Wacholder ragen bis 5 m hoch zum blauen Himmel empor, dessen weiße Wolkenflöckchen heut nicht weit kommen, so eilig sie auch segeln; denn die klare trockene Luft trinkt sie weg.

 

 

Schafwaschepfuhl 1923

Herrlich leuchten die roten Korallen der Ebereschen hell herüber, wie ein frohes Wanderlied grüßt hier und da ein lichtgebadeter Birkenstamm aus dem dichten, dunklen Grün.

 

Bei den großen Wandersteinen am Wasser hebt sich der Hang sanfter und führt in einen Märchengarten: denn dort ist ein größerer Ausschnitt mit blühenden Oleanderröschen dicht besiedelt, als seien sie absichtlich dorthin gepflanzt worden, den Winkel mit ihrer strahlenden Pracht zu schmücken. Von dem aus hat man besonders schöne Blicke in die Wildnis. Der Wacholderpark mit dem Besenginster erscheint undurchdringlich; aber man kommt doch in ihm vorwärts über Findlingsblöcke und modernde Baumleichen. Dabei erlebt man manche Überraschungen: plötzlich eine kleine Blöße  mit hohen blühenden Disteln, um deren auch hier zahlreichen größeren Steine um den Soll herumgehäuft, die sie dem Ackerlande entnehmen, ohne zu wissen, woher sie stammen und welche Naturgewalten den Boden geschaffen und aufgeschüttet haben, der sie nährt. Zuerst machte sich Silberschlag (1768) gelehrte und verkehrte Gedanken über die Löcher. Erloschene Vulkane sah er in ihnen, die ihren Steinsegen, Sand- und Tonregen über ihre Umgebung ausgeschüttet hätten. Leopold v. Buch (1811) meinte, eine ungeheure Flut von Norden her habe den ganzen Eiszeitschutt aus den nördlichen Ostseeländern über Norddeutschland geschwemmt. Diese Theorie der Rollsteinflut wusste wenigstens schon, woher die Findlinge stammten und sah in ihnen nicht mehr, wie noch Goethe, die übrig gebliebenen Reste verwitterten Urgesteins der  norddeutschen Ebene. Seit man weiß, dass die Sölle in eiszeitlichen Aufschüttungsgebieten liegen, hat man sie aus der Wirkung des Inlandeises zu erklären versucht. Man kann sich vorstellen, dass die Schmelzwasser, die sich auf der besonnten Eisoberfläche sammelten und durch Spalten herabstürzten, den Schuttgrund auskolkten, oder daß unter dem Eise fließendes Schmelzwasser den Grundmoränenboden kesselartig höhlte. Aber eben sowohl mögen bei dem Zurückweichen der abtauenden südlichen Eiskante Eisblöcke liegen geblieben und unter Sand und Kies begraben worden sein. Auch sie konnten schließlich der zunehmenden Wärme nicht länger trotzen und schmolzen allmählich hinweg. Wo sie lagen, bezeichnet jetzt der Soll ihre frühere Stätte. Jentzsch hält dagegen die Sölle für entwicklungsgeschichtliche Enderscheinungen der Verlandung abflußloser Seen, was für den Leuenberger Pfuhl sicher nicht zutrifft.

 

Diesen und anderen Auffassungen gegenüber ist mit Recht darauf aufmerksam gemacht worden, dass die Sölle ja keineswegs alle auf gleiche Weise entstanden sein müssen. So wenig für die Seen gibt es für sie nur eine Entstehungsmöglichkeit. Aber daran zweifelt wohl niemand mehr, dass sie eiszeitliche Hohlformen sind.

NSG Leunenberger Soll 2

Mit ihnen vergesellschaftet findet man, wie ja auch bei Leuenberg, häufig trockene Wannen, deren Boden kein Wasser deckt, die so genannten Kessel. Übrigens darf man die Sölle nicht mit ersoffenen Lehm-, Ton- und Kiesgruben verwechseln, die ihnen oft genug recht ähnlich sehen. Wer von Vorwerk Tiefensee nach dem Gamensee geht, kommt an einer solchen ersoffenen Grube vorüber.

 

Droben auf dem Bahndamme, von dessen Höhe man auf den Lange See und Mittelsee schaut, saß, als wir vorübergingen, einer von denen, die gar nicht Unrecht haben, wenn sie meinen, am lebendigsten werde ihnen der Wald, wenn sie alleine gehen. Der mochte sich Weise und Lied, das er sang, selbst erdacht haben. Oder kennt jemand dessen Dichter? Es laute, wenn ich recht gehört und aufgeschrieben habe:


    “Rote Heide, Stoppelfelder                          “Die bei mir, wo ich auch gehe,
    tiefe Seen, dunkle Wälder:                           daß ich fühle, dass ich sehe,
    Alle, alle grüßen Dich.”                                Daß ich leben Dich, nur Dich.”


    “Alles klingen, alles Singen,                       “Und die Nacht, ihr heimlich Weben,
    Lüfte, die mich weich umfingen,                Schweigen, Raunen und Erbeben
    sind nur Deines Wesens Gruß:”                nur Dein mir gesandter Kuß.” 


 Prof. Dr. Paul Deegener, 1926


 

Diese interessante Beschreibung des Artenreichtums im Leuenberger Soll - auch Schafwaschepfuhl genannt - findet man heute so nicht mehr vor. Seit Jahrzehnten sind Veränderungen eingetreten und sichtbar. Der Wacholder ist verschwunden und stehendes Wasser ist nur noch gelegentlich vorhanden.  Auch die Oleanderröschen sind seit Jahren nicht mehr gesichtet worden. Als Ursache werden verschiedene Einflüsse angenommen. Geringe Niederschlagsmengen und eine zunehmende Bewaldung können den Grundwasserspiegel abgesenkt haben. Die intensive landwirtschaftliche Nutzung und der massenhafte Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden werden als weiterer Einfluss angenommen. Das Leuenberger Soll ist auch aus einem anderen Grund ein  schützenswerter Lebensraum  - es ist die Geburts- und Kinderstube des einheimisches Wildes. Deshalb ist eine Ausweisung als Wildruhe-Zone und die Entfernung von Jagdkanzeln im und um das Leuenberger Soll zwingend erforderlich.
 
Das Naturschutzgebiet Leuenberger Soll hat eine Größe von 8,36 Hektar und wurde auf Anordnung der Landesregierung Brandenburg bereits am 15. Mai 1950 unter Schutz gestellt.

 

 

Die Fläche ist seit 2009 ein NABU-Schutzgebiet.

 

NABU-Stiftung

 

 

 

Zwischen der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe und der NATURWACHT Gamengrund e.V. wurde am 01. Juni 2010 eine Vereinbarung zur Betreuung dieser Naturschutzfläche unterzeichnet. Ziel dieser Zusammenarbeit ist die dauerhafte Erhaltung dieses Naturerbes und seine Sicherung als Lebensraum für unsere heimische Tier- und Pflanzenwelt.